Competence for Telemedicine and Medical Technology

Presse Telemedizin / 2018

Apotheken Umschau, A 09/2018
Bessere Chancen für alle

Akutversorgung in den letzten Jahren hat die Medizin bei der Schlaganfalltherapie große Fortschritte gemacht. Jetzt sollen die Neuerungen mehr Patienten erreichen

Noch Anfang der 1990er-Jahre konnten Ärzte für Patienten mit einem akuten Schlaganfall wenig tun. Doch dann wurden spezielle Stationen und Behandlungskonzepte entwickelt: Die sogenannten Stroke Units entstanden. Damit nahm die Erfolgsgeschichte der Schlaganfallmedizin ihre rasante Fahrt auf.
Der englische Begriff Stroke Unit bezeichnet Überwachungseinheiten im Krankenhaus, die voll und ganz auf die schnelle Versorgung von Schlaganfallpatienten ausgelegt sind. Meist arbeiten dort Spezialisten aus mehreren Disziplinen zusammen. Mit unterschiedlichen Methoden können sie Gerinnsel aus Gehirngefäßen entfernen.
Kommt der Patient schnell ins Krankenhaus, gelingt es in der Regel, das Gerinnsel mit Medikamenten aufzulösen. Diese systemische Thrombolyse, kurz Lyse genannt, war lange das einzige Mittel, um die Durchblutung im Gehirn wieder herzustellen.

Katheter als Durchbruch
Vor wenigen Jahren entwickelten Mediziner zudem eine Methode, um Gerinnsel mit einem speziellen Katheter aus den Hirngefäßen zu ziehen. Diese mechanische Thrombektomie gilt als großer Durchbruch in der Schlaganfalltherapie, denn davon profitieren solche Patienten, die sonst besonders schwere Schäden davontragen würden.
Doch nicht überall in Deutschland gibt es Krankenhäuser, die diese Behandlungen anbieten. Etwa 310 Stroke Units existieren in Deutschland. Das ist eine ganze Menge. Doch nur etwa 120 können Thrombektomie rund um die Uhr durchführen. Fast alle davon liegen in Ballungszentren. Für die Versorgung auf dem Land bedeutet das ein Problem, weiß der Berliner Wissenschaftler Audebert. „Die Frage ist: Was kann man tun, damit Menschen überall in Deutschland von aktuellen Therapien profitieren?“
Die Probleme beginnen schon beim Personal. Gerade auf dem Land sei es für Kliniken schwer, Neurologen und spezielle Pflegekräfte für Stroke Units zu finden. „Krankenhäuser in größeren Städten haben es leichter. Für jüngere Leute sind Arbeitsplätze dort attraktiver“, meint Audebert.
Gleichzeitig ist der Bedarf auf dem Land aber besonders groß. Viele ältere Menschen mit einem hohen Risiko für einen Schlaganfall leben in ländlichen oder strukturschwachen Gebieten. Bis von dort aus ein Rettungswagen das nächste größere Zentrum erreicht, vergeht mitunter viel Zeit.
Große Hoffnung setzen Mediziner deshalb auf Netzwerke. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und künftig auch Sachsen-Anhalt zum Beispiel soll das Projekt „Annotem“ die Versorgung von Patienten mit neurologischen Notfallerkrankungen verbessern.

Chancen der Telemedizin
Wird jemand mit Schlaganfallverdacht in eines der angeschlossenen Krankenhäuser eingeliefert, fertigen Ärzte zuerst eine Computertomografie des Gehirns an. Die Bilder werden über sichere Internetverbindungen an Experten übermittelt, die viele Kilometer entfernt in einem von drei Teleneurologiezentren arbeiten: Sie befinden sich an der Berliner Charité, der Universitätsmedizin Greifswald und dem Unfallkrankenhaus Berlin. Per Videoübertragung können die Ärzte dort mit ihren behandelnden Kollegen vor Ort die weitere Therapie absprechen. „Telekonsil“ nennen Fachleute dieses Vorgehen.
Komplizierter wird es, wenn ein Patient mehr als sechs Stunden nach dem Schlaganfall in die Klinik kommt, etwa weil der Gefäßverschluss unbemerkt nachts auftritt. „In diesem erweitertem Zeitfenster können wir nur noch etwa zehn Prozent der Patienten behandeln. Die muss man erst mal aus den vielen Fällen herausfinden“, erklärt Nabavi von der Deutschen Schlaganfallhilfe.
Doch um Schäden am Hirngewebe genau zu erkennen und zu entscheiden, ob eine Thrombektomie sinnvoll ist, dafür bräuchten die Krankenhäuser, die auch rund um die Uhr bereitstehen. Um eine solche Bildgebung flächendeckend zu etablieren, seien weitere Anstrengungen der Kliniken notwendig, betont Nabavi. „Es geht schließlich um den Funktionserhalt des Gehirns.“

Schnell in Spezialistenhände
Um die bestmögliche Behandlung zu bekommen, müssen die Patienten oft in größere Zentren verlegt werden. Wie sich das am besten organisieren lässt, dafür diskutieren Experten ebenfalls gerade.
Bislang wird in den meisten Fällen die „drip and ship“-Methode angewendet – was auf Deutsch etwa „infundieren und transportieren“ bedeutet. Das heißt: Kommt ein Betroffener in das nächstgelegene regionale Schlaganfall-Zentrum und stellen die Ärzte dort fest, dass er eine Katheterbehandlung braucht, wird schon mit Medikamenten versucht, das Gerinnsel aufzulösen. Anschließend wird er in das nächste Krankenhaus gebracht, das eine Thrombektomie durchführen kann. Zwar dauert es auf diese Weise oft länger, bis das Gerinnsel tatsächlich entfernt ist. Erste Studien zeigen aber, dass sich die Verlegung trotzdem lohnt.

Eingeflogene Experten
Für Großstädte könnte eine Variante interessant sein, die seit einigen Jahren in Berlin praktiziert wird. Dort befinden sich drei spezielle Schlaganfall-Krankenwagen im Einsatz. Schon während des Transports in die Klinik werden die Patienten untersucht. Und wo die Entfernungen für Betroffene zu weit sind, machen sich die Spezialisten auf den Weg. In Bayern startete dieses Jahr das Projekt „FIT - Fliegende Interventionalisten“. Erfahrene Neuroradiologen, die in der Lage sind, eine Thrombektomie durchzuführen, werden für den Eingriff mit dem Hubschrauber eingeflogen. Ob die fliegenden Ärzte auch für andere Regionen ein mögliches Modell sind, wird in den nächsten Jahren untersucht. Erste Erfahrungen deuten an, dass sich damit die Zeit bis zur Behandlung deutlich verkürzt - zum Vorteil der Patienten, sagt der Schlaganfallexperte Nabavi. „Das könnte eine enorme Verbesserung bedeuten.“